Verfasst von: Junior | Februar 15, 2008

Sport

… ist Mord. Zumindest für meine Knie. Früher mal Handball als Leistungssport inklusive einige Einladungen zu diversen Auswahlteams, dann im Knie umgeknickt. 3 Monate Krücken, erster Tag Schulsport, Presschlag beim Fußball und von vorne. Ich habs Handball spielen dann aufgegeben… Geblieben ist mir ein extrem instabiles rechtes Knie. Fußball mit meinem kleinen Bruder im Garten sorgte denn auch 2006 dafür, dass ich mal wieder auf Krücken laufen musste. Nach 4 Monaten (ja, ich hab das Knie überhaupt nicht geschont und so..) gings dann wieder halbwegs, zumindest solange ich nicht schwer getragen habe und das Gewicht aufs andere Bein verlagerte.

Auf dem Plan stand ein Stadtfest im Harz. Strahlendes Herbstwetter. Mein Vater baute seinen Stand gegenüber dem meiner Mutter, an dem ich so gut ich konnte mithalf. Der Tag verlief eher schleppend, es war nicht übermäßig viel zu tun, aber insgesamt doch solide.

 Gegen Abend, ich hatte bereits einen Teil der Ware verpackt, meine Mutter befand sich am anderen Ende des Standes mit dem Rücken zur Mitte, ich an „meinem“ Ende ebenfalls mit dem Rücken zur Mitte, hörte ich hinter mir ein reißendes Geräusch, direkt gefolgt von dem Geräusch, das Pappe, die gerade zerrissen wird, erzeugt. Ich dreh mich um, stehen da 5 „Gansta“, also Baggys, Basecaps, ziemlich klischeehaft gekleidet und zerreißen die Verpackungen der Ware. Die betroffene Ware war unverkäuflich geworden, das ließ sich sofort erkennen.

Ich besah mir die 5 Freggel kurz etwas genauer: 2 davon waren größer als ich aber ziemlich schmächtig, die anderen 3 waren, zum Teil, deutlich kleiner und auch eher schmal. Alle 5 eher süd-ost-europäisch bis süd-west-anatolisch aussehend aber keiner von denen älter als 17. Dazu diese lächerlichen Outfits. Wie ich bereits mal erwähnte sind meine Schultern eher breit geraten und ich würde mich selbst eher als überdurchschnittlich kräftig bezeichnen, ohne, dass ich diese Kraft mehr als 3 oder 4 mal in meinem Leben gegen Menschen gerichtet hätte und auch das nur in Notwehr/Nothilfe. Also sollte das kein Problem darstellen, trotz Knie. Dachte ich.

Ich also langsam zu denen hingegangen, sie waren bei Verpackung Nummer 4 angelangt, und kurz gefragt, ob ich vielleicht behilflich sein könnte und was ihnen einfalle meine Ware zu ruinieren. – Ob wir keine Vorführmodelle hätten?! – „Doch, haben wir natürlich aber die sind bereits verpackt. Hier ist jetzt Feierabend. Ware hinstellen und abtreten.“ Ich weiß nicht, ob es am „abtreten“ oder am Tonfall lag, jedenfalls kam als Entgegnung ein dahingerotztes „Halt die Fresse du Hurensohn!“ von einem der Kleineren.

Die Verwendung des Begriffs „Hurensohn“ ist eine ziemlich elegante Variante Selbstmord zu begehen, wenn man ihn in den falschen Vierteln meiner Heimatstadt fallenlässt. Mir persönlich war er immer ziemlich egal. Ich benutze solche Worte nicht und auch in meinem Umfeld niemand. Was Leute auf der Straße zu mir sagen, naja, ich hab ja 2 Ohren. Allerdings hat dieses Kerlchen mir gerade finanziellen Schaden im oberen 2stelligen Bereich verursacht und ich hatte eigentlich vor, ihm das durchgehen zu lassen und dann beleidigt der mich?! Ne, also irgendwo ist auch Schluss mit lustig! Brust aufgepumpt, nah an ihn herangetreten, dabei 2 der Puppys auf Seite geschoben, und ihn von oben herab gefragt was er da gerade zu mir gesagt hätte.  – „Das hast du schon verstanden!“ – „Hast du mich gerade Hurensohn genannt?!“ – „“Du hast mich schon verstanden!“

Alles klar. Den Typen zu packen, vom Stand wegzubugsieren und mit den Worten „Verpiss dich.“ zu verabschieden war eins. Sein Faustschlag auf mein Jochbein folgte nur den Bruchteil einer Sekunde später.

Die nächsten vielleicht 10 Sekunden verbrachten der Pulk von 5 Gangstas und ich, ziemlich eng aneinander geschmiegt und dabei fast 10m von meinem Stand abkommend, damit uns gegenseitig zu hauen. Ich fand mich mit dem Rücken zu einer Hauswand wieder. „HuSo“-Gangsta lag stark blutend am Boden, dürfte das Nasenbein gewesen sein. Mein rechtes Knie schmerzte höllisch und ich versuchte, es irgendwie hinter mein linkes zu bekommen. Die 4 anderen Jungs schlugen auf mich ein, ziemlich ungezielt, viel auf den Oberkörper, aber mindestens einer hielt auch schon ein Auge geschlossen. Ich versuchte auszuteilen, war aber kurz davor umzukippen. Ich musste mich drehen um die rechte Schulter an die Wand zu lehnen, rechtes Bein entlasten. Ziemlich schräg stehend mit dem motorisch schlechteren Arm auszuteilen ging fast gar nicht mehr.  Zumal jetzt mein Rücken und Hinterkopf exponiert waren.  Rücken war wurscht aber ein Schlag traf mich aufs linke Ohr.

Hinter mir gellte der Schrei „MURAAT!“* und einer der beiden großen Jungs wurde von meiner 45kg Mutter zu Boden gerissen. Mein Vater stürzte aus der Pizzeria, in der er auf Toilette war, und bekam gerade noch mit, wie einer der Kleinen meiner Mutter mit der Faust ins Gesicht schlug. Muttern strauchelte auf Seite. Aber ich hatte plötzlich nur noch 2 gegen mich. Von der Wand abstoßend erwischte ich den zweiten Großen von unten am Kinn. Der Kleine, der meine Mutter geschlagen hatte, wandte sich mir zu und noch in der Drehung sprang ihm mein Vater mit durchgestrecktem Bein in den Bauch. Tekken-würdige Aktion. Der letzte verbliebene Gangsta sah sich nun anstatt mit einem 5 vs 1 für ihn mit einem 2 vs 1 gegen ihn konfrontiert, den Kollegen, der den, von meiner Mutter umgeruppten, Großen festhielt und die 2 pakistanischen Kollegen, die in schnellem Sprint mit Metallstangen auf uns zukamen, nicht mitgerechnet.  Er ließ Restverstand aufblitzen und nahm die Beine in die Hand. „Hurensohn“-Gangsta und der Empfänger meines Uppercuts schlossen sich eher torkelnd an.

Ich sackte an der Hauswand weg.

Meine Mutter, unterstützt von den beiden pakistanischen Kollegen, hielt meinen Vater davon ab den Frauenschläger zu töten. (Ich habe ihn sich schon oft schlagen sehen, meist hoch in der Unterzahl, 10 gegen 3 oder so, aber SO hat der noch nie geguckt!)

Die beiden verbliebenen Gangstas wurden fürs erste festgehalten und ich wurde notdürftig mit einem großen Radler, einer Zigarette und Tempos versorgt. Ziemlich heftig, wie man zittern kann, wenn das Adrenalin nachlässt.

In der sich anschließenden Stille entspann sich eine Diskussion mit den beiden Gangstas, in der sie, nicht ganz falsch, wie ich leider zugeben muss, den Grund für die Eskalation bei mir suchten. Schließlich wäre ihr Freund doch erst höflich geblieben und habe „SIE Hurensohn“ gesagt.

Hmm. Hab ich wohl überhört, diese „Höflichkeitsform“.

Trotzdem bleibt für mich selber ein fahler Beigeschmack. Auf mehreren Ebenen.

Zum Einen haben wir nicht die Polizei gerufen, weil das sowieso zu nichts geführt hätte.

Dann habe ich die Situation vielleicht etwas mutwillig eskalieren lassen. Die Klientel kannte ich vorher, ich hätte ahnen müssen, dass die sich nicht von entschlossenem Vorgehen und körperlicher Dominanz einschüchtern lassen. Und ja, ich hätte das Wort überhören können oder ihn zumindest auflaufen lassen können. „Mama, komm mal, der junge Mann möchte dir was sagen. – Na, trauste dich noch oder schon die Hose voll?“ Sowas in der Art. Habe ich nicht gemacht, hätte ich aber gekonnt. Wäre vielleicht sinniger gewesen.

Außerdem ist es mir etwas unangenehm, dass ich auf meine Eltern zurückgreifen musste, um diesen Disput zu lösen. Normalerweise wäre es kein Problem gewesen mit den 5 Schlitten zu fahren, aber mit kaputtem Knie…

 Fazit für mich: Keine Beleidigungen und keine finanziellen Schäden zulassen.

Analog zur Marktphilosophie gibt es bei Diebstahl eins in die Fresse (Storys to come: „Steintorplatz Junkie Battle 2007″, „Marktwahnsinn vor meiner Zeit: „Die Eisenstange, dein Freund“" und „..und wenn nicht?! – Kollegeninkasso“).

Beleidigungen werden nicht toleriert aber ich versuche vielleicht etwas mehr auf Deeskalation zu setzen.

 Das Geschäft ist hart und nichts für Schwächlinge. Zumindest außerhalb von Kram- und Wochenmärkten.

———

 * Nein, mein Vater heißt nicht Murat, aber der Klang und auch die Assoziationen zu Religion und Männlichkeitsauffassung  passen schon in etwa.


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